Standortförderung – Emotionen statt Steuerfüsse

Eglisau (ZH) ist gewachsen – die Einwohnerzahl hat innert zehn Jahren um fast die Hälfte zugenommen. Bremsen, findet nun der Gemeinderat in seinem Strategiepapier: «Im Vergleich zu den vergangenen Jahren wächst Eglisau nur noch moderat.» Trotzdem stehen mit «Margrits Wiese» ab Sommer 32 neue «exklusive Traumwohnungen» bereit, «in der Nähe zum Flughafen, der Wirtschaftsmetropole Zürich und doch im Grünen». 29 Einheiten sind bereits verkauft, die neuen Eigentümer können sich freuen auf einen «Lift von der Tiefgarage bis ins Attikageschoss» und den Bahnhof «in Gehdistanz», der Eglisau in 33 Minuten mit Zürich verbindet.

Tiefgarage und Bahnhofsnähe – die Investoren setzen auf die Nähe zum Wirtschaftsraum Zürich. Der Gemeinderat hingegen setzt in diesen Quartieren auf «Orte und Netzwerke, die das Zusammenleben fördern». Die Einwohner sollen «zu Fuss und mit dem Velo» ins «Städtli» pilgern; das «gesellschaftliche und kulturelles Zentrum» lade zum Verweilen ein.

Ein Widerspruch? Vielleicht. Wachstum lässt sich nicht vollständig kontrollieren, mit dem seit 2009 um 10 Prozentpunkte gesenkten Steuerfuss und den eingebrachten Baulandreserven hat die Gemeinde aber auch ihren Beitrag zu dieser Entwicklung geleistet. Dass die Gemeinde nun mehr auf Qualität statt auf Quantität setzt, ist löblich. Wenn nun die Umnutzung des Mineralquelle-Areals auf der Traktandenliste steht, kann Eglisau einen städteplanerischen Kontrapunkt zu den Schlafstätten setzen, die in den vergangenen Jahren entstanden sind.

Ein Blick in den Spiegel

Damit ist aber nicht genug. Eine selbstkritische Betrachtung der eigenen Visitenkartewäre angebracht. Das Bild (ich konzentriere mich hier auf das Bild im eigentlichen Wortsinn), welches Eglisau von sich abgibt, spricht vielleicht erholungsuchende Touristen an. Das angestrebte Leben sucht man im Auftritt der Gemeinde umsonst. Dabei hätte Eglisau mehr zu bieten als Fachwerkhäuser und Brücken. Private beleben den Ort: Die trendige Vivi Kola Bar, aufstrebendes Gewerbe und Lokale in der Altstadt, die Veranstaltungen des Vereins VIVA, Wochenmärkte und viele mehr beweisen: «s’Städtli läbt» (Slogan von VIVA Eglisau, inklusive Original Apostroph-Setzung).

Standortmarketing endet nicht beim Steuerfuss

Eglisau tut gut daran, seine Bildwelt zu überdenken. Zeigt, was ihr habt! Ihr möchtet ein lebendiges Städtchen sein? Entfernt Eure menschenleeren Bilder Eurer historischen Bauwerke. Zeigt das Leben. Es ist da! Ersetzt die historisch orientierten Texte auf Eurer Website mit Geschichten aus dem Leben und verbreitet diese. Anerkennt damit die Leistung jener, welche die Infrastruktur beleben. Und überlässt damit das Bild Eurer Gemeinde nicht privaten Immobilieninvestoren, die auf kurzfristige Gewinnmaximierung ausgerichtet sind. Es ist Eure Stadt!

Sorry, liebe Gemeinde Eglisau. Ich habe Euch zufällig ausgewählt. Ihr seid nicht allein. Viele der 2222 Schweizer Gemeinden präsentieren sich im Netz mit ihren Kirchen, Brunnen und Wäldern. Argumente, die für einen Zuzug von natürlichen und juristischen Personen sprechen, überlassen sie gerne den privaten Investoren. Und geben damit das Zepter aus der Hand. Gerne erstelle ich Euch Eure neue Bildwelt. Und weil ich Euch für diesen Beitrag missbraucht habe, gibt’s auch Rabatt. www.rieggi.ch

Erstpublikation am 21. Mai 2019 auf LinkedIn.

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